· 

Die Hegermühle

Das ist die Hegermühle.

Es ist das Haus meiner Vorfahren mütterlicherseits, großväterlicherseits.

Mein Opa Otto hat hier seine ersten sechzehn Lebensjahre verbracht.

 

Die Hegermühle stand am Fuße des Reischlbergs im Böhmerwald, dort, wo heute tschechisches Staatsgebiet ist.

Sie war Teil des Dorfes Neuofen, das nunmehr Nová Pec heißt.

Von dieser ursprünglichen Ortschaft Neuofen und ihren Häusern ist heute nichts mehr zu sehen.

Westlich davon erhebt sich der Plöckenstein mit dem berühmten See.

 

Der Neuofenbach, mit dessen Wasserkraft der Mühlstein der Getreidemühle unserer Urgroßeltern betrieben wurde, zieht heute zwischen Erlen und Haselsträuchern und anderem Gestrüpp einsam, verborgen und still seinen Weg.

Verwachsene Steinhaufen lassen nur mehr erahnen, wo noch vor einem Jahrhundert Haus neben Haus stand.

Nichts erinnert mehr an die Geschäftigkeit, die hier einmal geherrscht haben muss, an das alltägliche Leben, an das Spielen der Kinder, an die Gespräche zwischen Nachbarn, an den Duft von frisch gebackenem Brot.

 

Verschwunden sind die Streuobstwiesen und Bauerngärten, in denen neben Kraut und Karotten und Erdäpfeln auch Phlox und Pfingstrosen und Dahlien standen. 

Von den Roggenfeldern, die die Grundlage für das tägliche Brot waren, ist nichts mehr zu sehen.

Auch der anspruchslose  Flachs gedieh hier auf den kargen Böden und tauchte die Landschaft im Frühsommer in ein blaues Blütenmeer.

 

Vor hundert Jahren wurde in der Hegermühle der älteste Bruder meines Opas, Oswald, geboren.

Die Urgroßeltern Aloisia und Johann Egginger hatten am 3. Juli 1923 in der Pfarrkirche von Salnau (Zelnava) geheiratet.

Aloisia war zwanzig Jahre jung und brauchte dazu noch die Zustimmung ihres Vaters. Ihr Bräutigam Johann war zu diesem Zeitpunkt einundvierzig.

 

Nach der Hochzeit bewirtschafteten sie gemeinsam die Hegermühle, zu der neben der Müllerei auch eine Bäckerei und eine kleine Landwirtschaft gehörten. Uropa Johann war Bäckermeister.

Ins Gai gingen sie mit einem Buckelkorb. Im Winter wurden die Familienhunde eingesetzt, um den Schlitten, auf dem sie die Backwaren transportierten, durch den böhmischen Schnee zu ziehen.

Auch über den Reischlberg, auf österreichisches Staatsgebiet, gingen sie mit ihrem Brot.

Obwohl seit 1918 eine Grenze das Gebiet des Böhmerwalds trennte, das zuvor zur Donaumonarchie, diesem Vielvölkerstaat, gehört hatte, gab es nach wie vor Kontakte und Austausch zwischen den Menschen auf österreichischer und tschechoslowakischer Seite.

 

Die Kinder der Hegermühle, Opa Otto und seine Geschwister, kamen in den Jahren 1924 (Oswald), 1925 (Walter), 1927 (Anna), 1930 (Opa Otto) und 1944 (Gertrude) zur Welt.

 

Neuofen war eine eigene Gemeinde und lag bzw. liegt am Schwarzenbergschen Schwemmkanal. Pfarrlich gehörte es zu Salnau, welches in einer Stunde fußläufig zu erreichen war.

 

Neben Gasthäusern, Handwerksbetrieben, Geschäften, Mühlen und vielen kleinstrukturierten Landwirtschaften gab es in der Gemeinde Neuofen seit 1906 auch eine neu erbaute vierklassige Volksschule, welche Opa und seine älteren Geschwister in den 1930er Jahren besuchten.

 

 © Carmen Wurm

 

Fortsetzung folgt…

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Agnes u.Volker (Sonntag, 04 Februar 2024 14:59)

    Liebe Carmen,
    ein interessanter Rückblick in die Familiengeschichte deiner Mutter und ihrer Heimat.

  • #2

    Gisi Moam (Montag, 05 Februar 2024 11:34)

    liebe Carmen,
    eine interessante Recherche. Ich kenn den Reischlberg nur vom Schifahren: wunderbar, wenn genügend Schnee war, furchtbar, wenn Sonne oder Wind etwas dagegen hatten. Die aperen Flecken tun mir heute noch weh. Noch mehr weh tut mir, dass ich das Schifahren nach 2x Schulterbruch mangels Kondition aufgeben musste.
    Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wie man Schier anschnallt. Und wenn's in Cortina schwere Stürze gibt, bin ich so froh um meine Sof.